„Verantwortung tragen – Vielfalt bewahren“ – Giovanna Masoni Brenni im Gespräch mit Gaby Malacrida
Lugano an einem klaren Wintermorgen. Der See liegt ruhig, die Berge rahmen die Stadt. In einem Büro mit Blick auf das Wasser empfängt Giovanna Masoni Brenni mit jener Konzentration und Gelassenheit, die man bei Menschen spürt, die Verantwortung nicht suchen – sondern tragen.
Rechtsanwältin und Notarin, langjährige Magistratin der Stadt Lugano, Mitinitiantin und treibende Kraft hinter dem LAC – Lugano Arte e Cultura. Seit 2024 präsidiert sie die CORSI und ist Vizepräsidentin des Verwaltungsrats der SRG SSR. Zudem steht sie an der Spitze des Verwaltungsrats der Banca del Ceresio.
Gaby Malacrida, Zentralvorstandsmitglied von Forum elle und Präsidentin der Sektion Ticino, trifft sie zu einem ausführlichen Gespräch.
Forum elle – die Frauenorganisation der Migros – verbindet ca 6300 Frauen in allen vier Sprachregionen der Schweiz: in der Deutschschweiz, in der Romandie, im Tessin und in Graubünden. Mit 16 Sektionen lebt unsere Organisation von regionaler Eigenständigkeit und nationaler Vernetzung – in Städten ebenso wie in alpinen Tälern. Dieses föderale Gefüge bildet den Resonanzraum des Gesprächs.
Verantwortung im richtigen Moment
Forum elle (Gaby Malacrida):
Frau Masoni Brenni, Sie haben 2024 das Präsidium der CORSI übernommen und sind Vizepräsidentin des Verwaltungsrats der SRG geworden – in einer Phase intensiver öffentlicher Diskussionen rund um den Service public. Was hat Sie bewogen, dieses Mandat anzunehmen?
Giovanna Masoni Brenni:
Wir befinden uns in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Technologische Entwicklungen, neue Medienformen, veränderte Erwartungen des Publikums – all das prägt unser Umfeld. Gerade in solchen Momenten erscheint es mir wichtig, Verantwortung zu übernehmen und aktiv mitzugestalten.
Institutionen leben von Vertrauen. Sie entwickeln sich weiter, sie passen sich an – und sie bleiben verlässlich, wenn Qualität und Orientierung im Zentrum stehen. Für die italienischsprachige Schweiz ist dabei die Frage der Sichtbarkeit besonders bedeutend.
Relevanz in einer globalisierten Medienwelt
Forum elle (Gaby Malacrida):
Welche Herausforderungen sehen Sie mittel- und langfristig?
Giovanna Masoni Brenni:
Die zentrale Herausforderung ist die Relevanz. In einer Welt globaler technologischer Konzerne muss ein öffentliches Medienhaus seinen Platz immer wieder neu definieren. Qualität, Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit sind entscheidend.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz eröffnen neue Möglichkeiten, verlangen jedoch klare Leitlinien und verantwortungsvolle Entscheidungen. Gleichzeitig begleiten finanzielle und strukturelle Fragen diese Entwicklung kontinuierlich.
Gerade für kleinere Sprachregionen ist es wesentlich, dass ihre Perspektiven ihren Platz behalten.
Die Schweiz als Willensnation
Forum elle (Gaby Malacrida):
Sie vertreten die italienischsprachige Schweiz in einem nationalen Gremium. Wie erleben Sie diese Rolle?
Giovanna Masoni Brenni:
Die Schweiz ist eine Willensnation. Vier Sprachregionen, die sich bewusst entschieden haben, gemeinsam ein Land zu gestalten. Jede bringt ihre Geschichte, ihre Kultur und ihre Sensibilität ein.
Präsenz schafft Zugehörigkeit. Und Zugehörigkeit stärkt Stabilität.
Diese föderale Realität prägt auch Forum elle. Mit 16 eigenständigen Sektionen in vier Sprachregionen entsteht ein Netzwerk, das Vielfalt nicht vereinheitlicht, sondern verbindet.
Die Frage nach dem Auftrag – und dem gemeinsamen Raum
Am 8. März 2026 wird über die sogenannte Halbierungsinitiative abgestimmt. Sie sieht eine deutliche Reduktion der Radio- und Fernsehabgabe vor und stellt damit grundlegende Fragen nach Umfang, Finanzierung und Ausrichtung des Service public neu.
Im Kern geht es um mehr als um Zahlen. Es geht um die Frage, wie gross der gemeinsame mediale Raum in einem mehrsprachigen Land sein soll – und wie regionale Präsenz in einer zunehmend globalisierten Informationslandschaft gesichert wird.
Die Diskussion bewegt unterschiedliche Perspektiven. Für die einen steht die finanzielle Entlastung im Vordergrund, für andere die langfristige Stabilität von Programmvielfalt und sprachlicher Ausgewogenheit.
Forum elle ist gemäss Statuten religiös und politisch neutral. Unsere Mitglieder vertreten unterschiedliche Haltungen – auch in dieser Frage. Das Gespräch versteht sich nicht als Positionierung, sondern als Reflexion über Verantwortung, föderale Balance und kulturelle Vielfalt.
Forum elle (Gaby Malacrida):
Wie nehmen Sie die aktuelle Diskussion wahr?
Giovanna Masoni Brenni:
Die öffentliche Debatte gehört zu einer lebendigen Demokratie. Sie bietet die Möglichkeit, über Auftrag und Finanzierung nachzudenken, Entwicklungen in einen grösseren Zusammenhang einzuordnen und sich bewusst zu machen, welche konkreten Auswirkungen weitere Kürzungen der Medienabgabe haben könnten. Für mich bleiben die Qualität und Unabhängigkeit der Information, die kulturelle Vielfalt und der gesellschaftliche Zusammenhalt zentral. Institutionen tragen dazu bei, dass die Regionen unseres Landes miteinander im Dialog bleiben.
Kultur als innere Konstante
Forum elle (Gaby Malacrida):
Kultur begleitet Ihre gesamte Laufbahn – vom Aufbau des LAC bis zu Ihren heutigen Mandaten. Was bedeutet sie für Sie?
Giovanna Masoni Brenni:
Kultur ist Ausdruck eines menschlichen Bedürfnisses nach Entwicklung und Schönheit. Sie begleitet Gesellschaften durch Krisen und Aufbrüche. Sie ist zugänglich für alle und schafft Verbindung über Generationen hinweg.
Vielleicht ist sie gerade deshalb so beständig.
Sie spricht von Konzerten, von Literatur, von der Natur im voralpinen Raum – und lächelt, als sie ihre Vorliebe für Pastasciutta in allen Variationen erwähnt. Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit liegen nahe beieinander.
Führung als Zusammenspiel
Forum elle (Gaby Malacrida):
Wie verbinden Sie Ihre Mandate mit Ihrem persönlichen Leben?
Giovanna Masoni Brenni:
Führung entsteht im Zusammenspiel von Menschen und Strukturen. Unterstützung im privaten Umfeld und organisatorische Klarheit bilden eine stabile Grundlage. Daraus wächst Ausdauer – und Vertrauen.
Respekt empfinde ich für alle, die Verantwortung unter anspruchsvollen Bedingungen tragen und dennoch Grosses leisten.
Regionen im Dialog
Dieses Gespräch zeigt, wie eng regionale Perspektiven und nationale Verantwortung miteinander verflochten sind.
Forum elle – die Frauenorganisation der Migros – schafft Räume für diesen Dialog. Rund 6300 Frauen in der Deutschschweiz, in der Romandie, im Tessin und in Graubünden bringen ihre Erfahrungen ein. Städte und Bergregionen, unterschiedliche Generationen und politische Überzeugungen finden hier einen gemeinsamen Rahmen.
Verantwortung wird in der Schweiz mehrsprachig getragen.
Und sie lebt vom Gespräch.


